Basler Appell

 

Synthetische Biologie

  • Synthetische Biologie verbindet Ingenieurswissenschaften, Systembiologie, Gentechnik, Informationstechnologien und Nanotechnik

  • Ziel ist die Nach- und Neubildung der Natur und die Herstellung von künstlichem Leben; Organismen mit exakt vorhersagbaren Eigenschaften sollen im Labor hergestellt werden

  • «Biobricks» sollen wie Legosteine neu miteinander kombiniert werden. Der genetische Code soll um Elemente erweitert werden, für die es in der Natur keine Vorbilder gibt

Grundlegendes

In die Entwicklung der Synthetischen Biologie werden weltweit hohe Summen an Fördergeldern investiert. Wie schon bei der Gentechnologie werden auch hier wieder einmal neue Möglichkeiten propagiert, mit deren Hilfe die Medizin revolutionäre Erfolge feiern soll. Synthetische Biologie ist, wie auch die Nanotechnologie, zur Zeit in aller Munde und es werden grosse Hoffnungen damit verknüpft. Man setzt auf massgeschneiderte Bakterien, die Gifte aufspüren können oder Medikamente produzieren. Auch für das Problem der schwindenden Rohstoffe soll eine technische Lösung her und Bakterien mit neuen Eigenschaften sollen Treibstoffe erzeugen. Die Möglichkeiten scheinen vielfältig und schüren die Hoffnung auf milliardenschwere Gewinne für eine neue Industrie.

Die Synthetische Biologie verfolgt die Idee, Lebewesen kontrolliert und zielgerichtet umzubauen oder von Grund auf neu zu konstruieren. Eine eindeutige Definition gibt es nicht. In der einschlägigen Fachliteratur reichen die Erklärungsversuche von dem Ziel, die minimalen Anforderungen für Lebensvorgänge verstehen zu wollen, bis dahin, dass man mittels Synthetischer Biologie bisher natürlicherweise nicht vorkommende lebende Systeme schaffen will. Organismen sollen so konstruiert und zusammengesetzt werden, dass sie neue Funktionen erfüllen, die dann kontrolliert eingesetzt werden können.

Es werden im Prinzip zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt: Mit der Bottom-up-Strategie (vom Leblosen zum Lebendigen) werden Systeme künstlich aufgebaut, die nach teils völlig neuen Prinzipien funktionieren sollen. Seit den achtziger Jahren stellen Gensynthesefirmen aus unbelebter Materie Erbgutabschnitte künstlich und vollautomatisch her, die dann neu zusammengesetzt werden können. Bei der Top-Down-Strategie (vom Belebten zum Künstlichen) werden in vorhandenen lebenden Systemen Komponenten entfernt oder verändert. Neue, künstlich entwickelte Komponenten werden hinzugefügt. Dadurch soll das Potenzial eines Organismus erweitert werden.

Probleme

Die weitere Entwicklung der Synthetischen Biologie bringt eine Reihe von Problemen und ungeklärten Fragen mit sich. Eine gesetzliche Regelungen gibt es bisher nicht. In den meisten Ländern geht man davon aus, dass die Gesetzgebung zur Gentechnologie und anderen Bereichen ausreichend wäre und auch die Synthetische Biologie abdecke. Man plädiert für Abwarten. Da man sich ein grosses ökonomisches Potenzial verspricht, gehen hohe Summen an Fördergeldern in den Forschungsschwerpunkt, Gelder, die in anderen Bereichen fehlen (Klimaschutz, Umwelt, Public Health). 

Völlig unklar ist, wie sich mittels synthetischer Biologie hergestellte künstliche Organismen im Zusammenspiel mit der belebten Natur verhalten. Zwar sollen in künstlich hergestellte Organismen sogenannte Sicherheitsschalter eingebaut werden, der eine weitere Ausbreitung verhindern soll, aber das Verhalten in der natürlichen Umwelt ist unklar. Eine Technikfolgenabschätzung, die die Auswirkungen auf die Umwelt oder die Gesundheit erforscht, hat bisher nicht in ausreichendem Mass gegeben.

An der Synthetischen Biologie besteht auch ein militärisches Interesse. Die NASA investiert Milliardensummen, denn die Möglichkeiten der Synthetischen Biologie könnten mithelfen, zum Beispiel lebensfeindliche Umgebungen zu neutralisieren. Gleichzeitig besteht ein hohes Gefährdungspotenzial, dass das Wissen um die Herstellung künstlicher Organismen für Bioterroristische Angriffe missbraucht werden könnte. Die Sicherheitsfragen sind nicht geklärt.

Die Herstellung von künstlichem Leben wirft auch eine Reihe von ethschen Fragestellungen auf. Die Frage: Was ist Leben? muss danach neu definiert werden.  Kernfrage dabei ist, welches Verständnis von Leben die Synthetische Biologie hat, da sich weitläufig in dem Bereich die Bezeichnung der lebenden Maschinen durchgesetzt hat. Es besteht die Sorge, dass durch die Abwertung des Lebendigen eine Entwertung  des Lebens stattfindet. Wenn Leben beliebig erzeugt werden kann, dann sind fundamentale Wervorstellungen in Frage gestellt. Die ethische Diskussion muss dringend geführt werden.

Der Basler Appell gegen Gentechnologie setzt sich zusammen mit anderen Organisationen sowohl schweizweit als auch international für eine Regelung der Synthetischen Biologie ein.

Situation in der Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es keine explizite Regelungen für die Synthetische Biologie. Man geht davon aus, dass der Bereich mit den Gesetzen für den Umgang mit Chemikalien, dem Gentechnikgesetz oder Regelungen für die Freisetzung von Organismen zur Zeit ausreichend geregelt ist. Mögliche Anwendungen sind noch wenig konkretisiert. Es dominieren Visionen, Ungewissheiten und Nichtwissen. Aus Sicht der EKAH liegen zuwenig empirische Daten vor, um eine Risikobewertung vornehmen zu können; zur Zeit liegen keine Bestrebungen seitens des Bundes vor, die Synthetische Biologie gesetzlich zu regeln.

Trotzdem baut auch die Schweiz an den Universitäten entsprechende Fachbereiche sowie die Projektzusammenarbeit mit der Industrie aus. Eine Initiative soll die Systembiologie in der Schweiz an die Weltspitze katapultieren. Allein für die Periode 2008-2011 ist das Projekt mit 100 Mio Franken öffentlicher Gelder dotiert. Dazu kommen noch hohe Summen aus privaten Fördermitteln. Auch an Forschungsprojekten zur synthetischen Biologie im Rahmen der EU sind mehrere Schweizer Forschergruppen beteiligt.

Der Basler Appell gegen Gentechnologie sieht - nicht zuletzt anhand der Erfahrungen mit der Gentechnologie - dringenden Handlungsbedarf im Bereich der Synthetischen Biologie. Wir fordern eine gesetzliche Regulierung, mehr Transparenz und vor allem die Inszenierung einer öffentlichen Debatte über die Risiken und Auswirkungen dieser Technologien. Wir sehen auch sehr kritisch, dass in diesen Bereich hohe Summen an öffentlichen Geldern fliessen. Bis zur Klärung offener Fragen fordern wir auch für die Schweiz ein Moratorium für die Vergabe öffentlicher Gelder in die Synthetische Biologie.

Hintergrundmaterialien >pdf

  • Synthetische Biologie, Bericht der EKAH (>pdf)
  • Ethisch-philosophische Analyse, EKAH (>pdf)
  • Synthetische Biologie - Kritische Analyse, Testbiotech (>pdf)
  • Synthetische Biologie - Treibstoffe, Testbiotech (>pdf)
  • GID-Spezial - Synthetische Biologie, Gen-ethisches Netzerk (>pdf)